Estlands Streit um ein ungewöhnliches Reiterstandbild entfacht alte Debatten
Eileen SontagEstlands Streit um ein ungewöhnliches Reiterstandbild entfacht alte Debatten
In Estland ist eine neue Debatte über Denkmäler in der Öffentlichkeit entbrannt, nachdem eine umstrittene Skulptur in Tallinn scharfe Reaktionen ausgelöst hat. Das Kunstwerk der Künstlerin Flo Kasearu zeigt Alma Ostra-Oinas zu Pferd – doch sein ungewöhnliches Design hat alte Streitfragen wiederbelebt: Wie soll das Land seine historischen und zeitgenössischen Persönlichkeiten würdigen?
Die fragliche Skulptur zeigt Ostra-Oinas auf einem Pferd, doch der abstrakte Stil spaltet die Meinungen. Manche kritisieren, dass das Werk nicht dem klassischen Verständnis eines Reiterstandbilds entspreche, bei dem eine historische Figur meist majestätisch auf dem Pferd thront. Andere weisen darauf hin, dass es in Estland ohnehin nur wenige solche Denkmäler gibt – und jede Neuerscheinung daher übermäßig unter die Lupe genommen wird.
Reiterstandbilder waren in Estland schon immer selten, weshalb jedes einzelne zum Diskussionspunkt wird. Der Künstler Kaupo Meiel meinte, Kasearus Werk hätte weit weniger Aufmerksamkeit erregt, gäbe es mehr solche Denkmäler. Er schlug vor, dass in den nächsten 10 bis 20 Jahren jede Stadt, jeder Ort und jedes Dorf ein eigenes Reiterstandbild errichten sollte – sowohl zur Ehre verdienter Persönlichkeiten als auch als Auftragsarbeit für notleidende Künstler.
Streitigkeiten um Denkmäler sind in Estland nichts Neues. Das Land hat eine Geschichte des Austauschs politisch aufgeladener Statuen, wenn Regime wechseln und neue Machthaber alte Symbole ablehnen. Selbst die Definition eines Reiterstandbilds ist flexibel: Ein Pferd ist nicht zwingend nötig, und der oder die Dargestellte muss nicht unbedingt ein historischer Held sein. Manche scherzen sogar, eine Statue des fiktiven Pushmi-Pullyu – eines zweiköpfigen Fabelwesens aus der Kinderliteratur – könnte die Kriterien erfüllen.
Estland verfügt bereits über starke Traditionen bei der Gestaltung öffentlicher Räume, und in den letzten Jahren entstanden viele neue zentrale Plätze. Doch der Mangel an Reiterstandbildern führt dazu, dass jeder neue Vorschlag zum Zankapfel wird. Meiel argumentierte, dass verdiente Persönlichkeiten würdige Denkmäler verdienen, während Künstler – viele durch Betrug in die Armut gedrängt – bezahlte Aufträge brauchen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Die aktuelle Kontroverse zeigt Estlands anhaltenden Kampf, Tradition, Politik und Kunst im öffentlichen Raum in Einklang zu bringen. Wären mehr Reiterdenkmäler vorhanden, stünde vielleicht das einzelne Werk weniger im Fokus der Kritik. Vorerst aber bleibt die Frage offen: Was – und wer – sollte in Stein und Metall verewigt werden?






