07 May 2026, 12:35

Halberstadts vergessene jüdische Vergangenheit: Wie die DDR ihre Geschichte verweigerte

Steintafel auf dem Boden vor einem Gebäude mit der Inschrift "Robert Glücksmann".

Halberstadts vergessene jüdische Vergangenheit: Wie die DDR ihre Geschichte verweigerte

Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht die vergessene jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR-Zeit. „Verweigerte Erinnerung“ deckt auf, wie die antifaschistische Politik der Region ihre eigene Vergangenheit nicht aufarbeitete. Den Anstoß für die Recherche gab ein Grundstücksverkauf 2018 in der Stadt, der antisemitische Untertöne weckte – es war von einem „Verkauf an die Juden“ die Rede.

Halberstadt war einst ein blühendes Zentrum des neorthodoxen Judentums. Zwischen 1938 und 1942 wurde die jüdische Gemeinde systematisch vernichtet. Der Pastor Martin Gabriel hielt später fest, dass der Niedergang der Stadt mit der Zerstörung der Synagoge 1938 begann.

Bis 1961 lebte mit Willy Calm der letzte bekannte Jude in Halberstadt. Er fungierte als offizieller Ansprechpartner für die verschwundene Gemeinde. Gleichzeitig bewahrte die DDR-Kulturszene Spuren jüdischen Lebens in Literatur und Musik. Romane wie „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ von Peter Edel oder „Jakob der Lügner“ von Jurek Becker erschienen hier. Auch die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati zog 1952 nach Ost-Berlin und nahm drei Schallplatten auf.

1949 wurde am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte eröffnet, die an die Opfer der Zwangsarbeit erinnerte. Doch bereits 1969 wurde der Ort zu einer Kulisse für politische Gelöbnisse umgestaltet – direkt über den Gräbern der Häftlinge. Später nutzte die Nationalen Volksarmee der DDR das Tunnelsystem des Lagers als Militärdepot.

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Grafs Forschung zeigt die Widersprüche im DDR-Umgang mit jüdischer Geschichte. Das Buch zeichnet nach, wie offizielle Erzählungen Stätten der Verfolgung oft tilgten oder umdeuteten. „Verweigerte Erinnerung“ liefert heute eine detaillierte Bestandsaufnahme dessen, was verloren ging – und wie wenig davon je anerkannt wurde.

Quelle