"Sancta" an der Staatsoper Stuttgart: Ein provokantes Opern-Debüt mit weiblicher Rebellion
Reinhild Hänel"Sancta" an der Staatsoper Stuttgart: Ein provokantes Opern-Debüt mit weiblicher Rebellion
Ein mutiges neues Opernprojekt: Sancta kommt im Herbst an die Staatsoper Stuttgart
Vom 3. bis 5. Oktober sowie am 1. und 2. November feiert Sancta an der Staatsoper Stuttgart Premiere. Die unter der Leitung der Dirigentin Marit Strindlund entstandene Produktion setzt sich mit einem einst verbotenen Werk auseinander und lotet dabei die Grenzen der Performance-Kunst aus.
Die Oper ist eine direkte Antwort auf Paul Hindemiths Sancta Susanna aus dem Jahr 1921, die wegen angeblicher Blasphemie zensiert wurde. Über ein Jahrhundert später dreht Sancta den Spieß um: Frauen rücken in den Mittelpunkt der christlichen Geschichte – mit Nacktheit und provokanten Bildern, die Traditionen herausfordern.
Die Idee zu Sancta entstand aus Strindlunds Faszination für Florentina Holzingers Ophelia's Got Talent, das 2022 an der Berliner Volksbühne uraufgeführt wurde. Holzingers Werk verband Hochkultur, Pop und extreme körperliche Darbietungen und hinterfragte die Darstellung weiblicher Körper, indem es Natur, Technologie und rohe Spektakel verschmolz. Zwar unterscheiden sich Ophelia und Sancta thematisch, doch Strindlund schätzte Holzingers furchtlose Herangehensweise – "inklusiv, aufklärend und mitreißend", wie sie es nennt.
Die Entwicklung von Sancta zwang Strindlund zu ungewöhnlichen Methoden. Die drastischen Bilder der Oper – von Christi Wunden bis zu unbekleideten Darstellern – brachen mit konventioneller Bühnenästhetik. Bei der Premiere führten die schonungslosen Szenen sogar zu 18 Notruf-Einsätzen – ein Beweis für ihre unerbittliche Wirkung.
Anders als Holzingers abstrakte Provokationen verankert Sancta seinen Radikalismus in der Geschichte. Indem die Oper weibliche Selbstbestimmung innerhalb der Kirche zurückerobert, stellt sie sich der Zensur entgegen, die Hindemiths Original zum Schweigen brachte. Das Ergebnis ist ein Werk, das Aufmerksamkeit fordert – durch künstlerische Risikobereitschaft und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
Sancta kommt als provokante Neuerzählung eines unterdrückten Klassikers an die Staatsoper Stuttgart. Die Mischung aus Nacktheit, religiöser Symbolik und körperlicher Intensität polarisiert bereits. Das Publikum im Oktober und November wird eine Produktion erleben, die keine Kompromisse eingeht – eine, die dazu zwingt, das Zusammenspiel von Frauenbild, Glaube und Kunst neu zu denken.






